Auch Athens-Austausch abgesagt

Jetzt hat es also auch den Athens-Austausch getroffen: Auch dieser Besuch – und all´ die geplanten Aktivitäten mit den AustauschschülerInnen – findet ebenfalls vor dem Hintergrund des Corona Virus nicht statt. Es ist total enttäuschend – auch einige Blogger unter uns hatten die Zimmer für die Gäste aus den USA und aus Frankreich schon geräumt und viele Pläne geschmiedet. 🙁 Schade!

Der Wunsch: Stereotype Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit sollten verschwinden – Frau Milse im Blog-Interview

Am 8.3.2020 ist internationaler Weltfrauentag. Wir Blogger haben uns in unserer Rubrik “Der-Tag-Des” mit diesem Tag mal genauer beschäftigt und in zwei interessanten Interviews u.a. herausgefunden,

  • seit wann dieser Tag den Frauen gewidmet ist,
  • warum dieser Tag begangen wird,
  • wieso ein solcher Tag auch im Jahre 2020 noch seine Berechtigung hat
  • und weshalb dieser Tag nicht nur die Frauen etwas angeht.

Zunächst haben wir ein Interview mit einer Lehrerin des ESG geführt – mit Frau Tanja Milse.

Zunächst haben wir einige allgemeine Fragen zu Ihrer Person:

  • Wie lange sind Sie schon Lehrerin am ESG?

Schon sehr lange 🙂 Ich bin am ESG 1998 als Referendarin gestartet und geblieben

  • Was sind Ihre Fächer?

Deutsch, Wirtschaft/Politik und Pädagogik

  • Welche Bereiche obliegen noch Ihrer Verantwortung? 

Ich bin für die Didaktische Koordination am ESG zuständig. Das bedeutet, dass unsere Schulentwicklungsprozesse miteinander verzahnt, einzelne Bereiche evaluiert und dann ggf. angepasst werden, dass die Schulentwicklungsmaßnahmen nachhaltig umgesetzt und soweit es nötig bzw. wünschenswert ist, vereinheitlicht werden, um Verlässlichkeit für alle ESGler*innen zu schaffen.

  • Wollten Sie immer schon Lehrerin werden?

Ich hatte als Schülerin ein sehr schwieriges Verhältnis zur Schule, daher nein. Mein Interesse ist erst im Rahmen eines Schulpraktikums entfacht worden.

  • Hätte es einen alternativen Berufswunsch gegeben?

Als Schülerin wollte ich gerne Jura studieren und dann Politikerin werden.

Dann möchten wir Ihnen gerne ein paar Fragen im Zusammenhang mit dem Weltfrauentag stellen:

  • Finden Sie einen Tag wie den Weltfrauentag heute noch wichtig und notwendig? 

Auf jeden Fall. Es muss ihn so lange geben, bis Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern eine Selbstverständlichkeit ist. Momentan gibt es ja auch viele rückwärts gerichtete Entwicklungen.

  • Wenn ja, in einigen Bundesländern ist dies ein Feiertag, würden Sie das auch für NRW befürworten?

Ich finde, es sollte eher einen Tag geben, der generell Gleichberechtigungsbestrebungen gewidmet ist. Das schließt alle Menschen mit ein. Ziel muss es doch sein, die Würde, Freiheit und Gleichheit eines jeden Individuums anzuerkennen. 

  • Es gibt Menschen, die den Weltfrauentag böswillig als „feministisch überzogen“ ansehen und Menschen, die diesen Tag begehen, abwertend als „Emanzen“ betiteln. Könnten Sie uns die Begriffe „Feminismus“ und „Emanzipation“ einmal definieren? Und im Anschluss vielleicht auf solche Äußerungen reagieren?

Bei Emanzipation handelt es sich im Wesentlichen um die Herauslösung aus Unmündigkeit. Das bedeutet, dass Menschen zum Subjekt ihrer Identitätsgestaltung werden, basierend auf reflektierten, eigenen Wertvorstellungen, die natürlich auch gesellschaftliche Anforderungen mit einbeziehen, aber eben nicht ausschließlich dadurch bestimmt sind, was andere von einem erwarten, wie Eltern, Lehrkräfte, die eigenen Gruppen, in denen man sich bewegt usw.

Feminismus bezieht sich darauf, dass bestehende Geschlechterordnungen kritisch überprüft und im Hinblick auf Gleichberechtigung und Selbstbestimmung weiterentwickelt werden.

Das ist schon interessant, wenn Menschen derartige Bestrebungen abwerten und hat viel mit ihrer eigenen Persönlichkeitsstruktur zu tun.  Ich schiebe mal einen Werbeblog für das Unterrichtsfach Pädagogik ein; dort ist zu lernen, warum Menschen derartige Abwehrreaktionen zeigen oder es „nötig“ haben, andere Personen und offene Haltungen zu verunglimpfen. Es geht ja gerade nicht darum, einer bestimmten sozialen Gruppe, wie Männern, etwas wegzunehmen, sondern der oder dem einzelnen zu ermöglichen, sich frei von Rollenklischees zu entfalten und nach persönlichen Fähigkeiten und Vorlieben zu leben und die Gemeinschaft konstruktiv weiterzuentwickeln.

  • Wir Blogger haben in den letzten Wochen immer mal wieder rumgefragt und uns umgehört unter Ihren Kollegen, welche Frauen als “irgendwie besonders” empfunden werden, vielleicht als Vorbild oder einfach nur als “inspirierend” – Welcher Name kommt Ihnen da in den Sinn?

Oh, ganz viele: Angefangen bei Astrid Lindgren, die mit Pippi so eine starke, unabhängige Figur für viele Kinder geschaffen hat. Luise F. Pusch (obwohl sie Städterin war 🙂 ) und deren Nichte ich mal unterrichten durfte. Sie hat eine riesige Datenbank FemBio erstellt, die die Biographien von Frauen sichtbar macht, die in keinem Geschichtsbuch jemals vorkamen. Auch Alice Schwarzer, wenngleich sie sicherlich in Bezug auf ihre Person nicht ganz unkritisch zu sehen ist, so hat sie u.a. mit ihrer Zeitschrift EMMA dafür gesorgt, die Belange von Frauen immer wieder sichtbar zu machen und weitsichtig Probleme, wie Männergewalt, Extremismus und Sexismus zu benennen. Das waren oder sind in den meisten Mainstreammedien überhaupt keine Themen. Ich schätze Dunja Hayali, die trotz persönlicher Anfeindungen und shit storms, immer wieder gegen Diskriminierung und Rassismus eintritt, Carolin Kebekus, extrem witzig und gnadenlos böse, und nicht zuletzt, unabhängig von Parteipositionen, unsere Bundeskanzlerin, die sehr uneitel eine zumeist sehr sachorientierte Politik macht und sich zunehmend mit Blick auf ethische Prinzipien positioniert, auch wenn sie unbequem sind.

  • Sie haben den Blog den Anfangszeiten mal angeschrieben und darauf verwiesen, dass es wichtig sei, Artikel “gendergerecht” zu verfassen. Können Sie einmal erklären, was das ist und uns erläutern, warum Sie das so wichtig finden? 

Letztendlich geht es um geschlechterbewussten Sprachgebrauch, durch den eben alle Geschlechter und somit auch die Gleichstellung zwischen ihnen abgebildet wird. Dies kann durch Doppelnennungen oder durch geschlechtsneutrale Formulierungen, wie Lehrkräfte, erfolgen. Sprache hat eine ungeheure Macht, in dem sie in unseren Köpfen Bewusstsein schafft und Bilder erzeugt. Diese bleiben im Gedächtnis und prägen unsere Denkmuster. Wenn ich also nur rein männliche Formen für beide Geschlechter verwende, sind Mädchen und Frauen eben „nur“ mitgemeint. Das ist eine Bewertung, fühlt sich auch so an und kann sich letztendlich auf das Selbstverständnis auswirken. Untersuchungen zeigen zudem, dass Mädchen und Frauen sowie andere Geschlechter sich z.B. bei Stellenangeboten gar nicht erst adressiert fühlen. 

  • Was meinen Sie: Sollten die Schulbücher gendern?

 Auf jeden Fall!

  • Sollte das Thema im Unterricht aufgegriffen und behandelt werden?

Ja. Es ist aber auch z. B. in Deutsch-Lehrplänen bereits vorgesehen, wie im Rahmen der Jahrgangsstufe 9 im Zusammenhang mit Sprachwandel.

  • Sollte es Ihrer Meinung nach einen Welt-Männertag geben? 

Die Trumps, Putins, Erdoğans dieser Welt feiern sich doch schon täglich selber. 

  • Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass Sie sich mit diesem Thema näher beschäftigt haben? 

Ich hatte in meinem Studium sehr gute Professorinnen, die über patriarchale Strukturen aufgeklärt und sich für deren Überwindung eingesetzt haben. Das hat mein damaliges Weltbild nachhaltig verändert.

  • Haben Sie schon mal Ungerechtigkeiten oder Nachteile erlebt, weil Sie eine Frau sind? 

Nicht, dass es mir bewusst wäre.  

  • Letzte Woche haben wir nach der Meinung der Schüler zu phasenweise geschlechtergetrenntem Unterricht gefragt. Was ist Ihre Meinung dazu?

Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Eigentlich finde ich es problematisch, wenn die Unterschiede zwischen Geschlechtern betont werden, weil sie dadurch eine viel größere Bedeutung bekommen, obwohl sie in Relation zu den Gemeinsamkeiten erheblich geringer sind. Viele Studien zeigen aber, dass gemeinsamer Unterricht von Mädchen und Jungen, die sogenannte Koedukation, die Gefahr birgt, dass Jugendliche sich eher traditionellen Geschlechterrollen anpassen. Mädchen fühlen z.B. größere Unsicherheiten, wenn es um Fächer wie Informatik, Mathe oder Physik geht, was nicht so ist, wenn sie an reinen Mädchenschulen unterrichtet werden.  Jungen geben sich in gemischtgeschlechtlichen Lerngruppen betont cool und grenzen sich gegenüber klischeehaft nicht männlich zugeordneten Inhalten oder Eigenschaften ab.

Das äußert sich beispielsweise auch am ESG, wenn wir uns das Fächerwahlverhalten in der Oberstufe anschauen – so gibt es z.B. in meinem Pädagogik Lk nur einen männlichen Schüler. 

Statt aber Geschlechter im Unterricht zu trennen, gibt es die Idee der sogenannten reflexiven Koedukation, des geschlechtersensiblen Unterrichts, in dem Mädchen und Jungen spezifisch gefördert werden, in dem Bewusstsein, dass sie möglicherweise unterschiedliche Erfahrungen, Verhaltensweisen und Einstellungen mitbringen. Geschlechterstereotype Rollenzuweisungen beginnen bereits in manchen Elternhäusern und wir werden insbesondere in Medien damit dominiert.

Das ESG hat als einen Schulentwicklungsschwerpunkt „Personalisierung“ gesetzt, die darauf abzielt, im Unterricht die individuellen Bedürfnisse der Lernenden zu berücksichtigen. Weg von frontalen Unterrichtsszenarien orientiert an der ganzen Klasse, hin zu individualisierten Lernwegen. Personalisierung beinhaltet auch die Unterschiedlichkeit der Personen wertzuschätzen. Damit verliert die Trennung von Jungen und Mädchen im Unterricht an Notwendigkeit.

12. Was wäre ihr Wunsch für die Zukunft in Bezug auf das Thema Gleichberechtigung? Vielleicht mal eine Schulleiterin am ESG – das hat es auch noch nicht gegeben … 

Mein Wunsch wäre es, neben der Beseitigung struktureller Ungleichheiten, wie Unterschiede in der Bezahlung bei vergleichbaren Tätigkeiten oder den Zugangschancen zu Führungspositionen, dass stereotype Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit an Bedeutung verlieren und verschwinden. Menschen sollen sich stattdessen mit ihren individuellen Facetten und Kompetenzen wahrnehmen. Wenn diese dann den hohen ESG Schulleitungsanforderungen gerecht werden, darf es gerne auch eine Schulleiterin sein 🙂 .

Wir bedanken uns für dieses ausführliche und sehr informative Interview, aus dem wir viel mitnehmen rund um das Thema “Weltfrauentag”.

Die Stadt Gütersloh beschäftigt übrigens eine Frauenbeauftragte – wir haben uns gefragt, was die wohl so macht und wie der Weltfrauentag von einer Frauenbeauftragten so gewürdigt und gefeiert wird. STAY TUNED – auch dieses Interview werden wir im Laufe der Woche hier veröffentlichen!