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Der „ungläubige Thomas“

Der „ungläubige Thomas“ hat nicht den besten Ruf. Einen „ungläubigen Thomas“ nennen wir jemanden, der übertrieben skeptisch ist und an allem zweifelt. Solche Leute können anstrengend sein. Sie fragen viel und lassen sich schwer zufrieden stellen. „Thomas“ heißen sie nach einer Geschichte aus dem Johannesevangelium. Sehen wir, ob der Thomas, der in der Geschichte vorkommt, seinen schlechten Ruf verdient hat.

Die Geschichte beginnt am Ostersonntag, dem Tag, als Jesus vom Tod aufersteht. Thomas ist einer seiner Jünger. Nachdem Jesus gekreuzigt wurde, haben sie sich zurückgezogen. Die Jünger sind enttäuscht und verängstigt. Aber am Ostersonntag wird alles anders. Da steht die Welt Kopf. Am Ostermorgen erscheint der Auferstandene der Maria aus Magdala. Abends kommt der Totgeglaubte durch die verschlossenen Türen und begrüßt die Jünger: „Friede sei mit euch!“ Thomas ist an diesem Abend nicht dabei. Die anderen erzählen ihm später, was sie erlebt haben: „Wir haben den Herrn gesehen!“ Doch Thomas antwortet: „Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite, kann ich’s nicht glauben.“

Deshalb also „ungläubiger“ Thomas. Das Hörensagen genügt ihm nicht. Thomas will sich selbst davon überzeugen, dass Jesus wieder lebt. Übertrieben finde ich seine Skepsis und seinen Zweifel nicht. Von Jesus hat Thomas viel erwartet. Mit ihm sollte alles neu werden. Jesus würde endlich Gerechtigkeit und Frieden bringen. Dafür war Thomas sein Jünger geworden. Endlich so leben, wie Gott es uns wünscht. Dann kam doch wieder alles so wie immer. Die alten Mächte blieben stärker als Gerechtigkeit und Frieden, der Tod stärker als das Leben. Jesus starb am Kreuz. Kein Wunder, dass Thomas abwinkt, als ihm die anderen Jünger von Ostern erzählen wollen: dass die Welt Kopf stünde und der Gekreuzigte auferstanden wäre. Wann hätte es so etwas schon einmal gegeben?

Was Thomas verlangt, ist nur vernünftig. Er möchte sich ein eigenes Urteil bilden und fragt nach guten Gründen. Daran können wir uns ein Beispiel nehmen. Machen wir es wie Thomas! Fragen wir nach und geben uns nicht zu früh zufrieden. Lassen wir uns nicht einreden, alles würde gut. Manchmal wird es leider nicht gut. Zweifeln wir, wenn uns die Experten versichern wollen, sie hätten die Dinge im Griff. Auch die Experten wissen nicht immer Bescheid, und wir müssen mit den Folgen leben. Zweifeln wir nicht zuletzt an uns selbst; denn das kann ebenfalls leicht passieren: dass wir uns selbst überschätzen und uns selbst enttäuschen.

Ob der „ungläubige Thomas“ seinen schlechten Ruf verdient hat, wollten wir wissen. Inzwischen haben wir verstanden, dass er kein Nörgler und Spielverderber ist, sondern sogar ein Vorbild. Doch seine Geschichte ist noch nicht zu Ende – zum Glück nicht. Denn so wichtig es ist, zu zweifeln, nicht zu schnell einverstanden zu sein und hartnäckig weiterzufragen – am Ende möchten wir die Antworten finden. Wir möchten erfahren, wie es wirklich ist und worauf wir uns verlassen können. Thomas erfährt es von Jesus persönlich.

Auch Jesus wirft ihm seinen Unglauben nicht etwa vor. Stattdessen tut er genau das, was Thomas verlangt hat. Acht Tage später kommt Jesus wieder durch die verschlossenen Türen. Diesmal ist Thomas bei den anderen Jüngern, und Jesus fordert ihn auf: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ Jesus nimmt Thomas ernst. Bei ihm ist er mit seinen Zweifeln gut aufgehoben. Thomas darf sich davon überzeugen, dass Jesus wieder lebt. Doch das braucht er gar nicht mehr. Thomas verzichtet darauf, die Wunden Jesu zu betasten. Er sagt nur: „Mein Herr und mein Gott!“

Das ist das noch etwas, woran wir uns ein Beispiel nehmen können: wie sich der kritische Thomas doch noch über Ostern freut – freut, weil die Welt tatsächlich Kopf steht und wir endlich so leben dürfen, wie Gott es uns wünscht. „Mein Herr und mein Gott!“, sagt Thomas nur. Ungläubig klingt das überhaupt nicht mehr, sondern im Gegenteil sehr erleichtert und hoffnungsvoll. Bis dahin war es ein weiter Weg, aber die Zweifel und Fragen haben sich gelohnt. Thomas hat herausgefunden, auf wen er sich verlassen kann.

Am Ende wendet sich Jesus an uns, die Leserinnen und Leser der Geschichte, und macht uns genauso Mut wie Thomas. „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“, sagt Jesus am Ende zu uns. Mit eigenen Augen sehen wie Thomas, dass Jesus auferstanden ist, können wir zwar nicht – noch nicht. Aber uns daran festhalten, dass mit seiner Auferstehung auch für uns alles neu wird, das geht jetzt schon. Denn zu Ostern zeigt uns Gott, wie sehr wir ihm am Herzen liegen und wie viel er mit uns vorhat. „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“, sagt Jesus darum. Das ist ein Versprechen.

Jesus sagt nicht, dass wir unsere Zweifel vergessen sollen. Zweifel gehören zum Glauben, haben wir von Thomas gelernt. Aber nicht die Zweifel behalten das letzte Wort, verspricht uns Jesus, erst recht nicht die Verzweiflung, sondern er selbst, der gekreuzigte und auferstandene Gott. Er hält zu uns, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Weil er lebt, werden wir leben. Deshalb können wir wie Thomas sagen: „Mein Herr und mein Gott!“, und uns genauso über Ostern freuen wie er.

Wenn ihr die Thomas-Geschichte nachlesen wollt, findet ihr sie im Johannesevangelium im zwanzigsten Kapitel. Gott segne euch!

Euer Martin Schewe

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