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Beten? Wozu?

„Beten“, denken viele, „Beten nützt ja doch nichts.“ Stimmt – jedenfalls dann, wenn Beten heißt: „Worum ich bete, muss bitte schön wahr werden.“ Dann nützt Beten tatsächlich nicht viel. Längst nicht alle Gebete gehen in Erfüllung, auch dann nicht, wenn die Sache, um die wir beten, wirklich wichtig ist. „Lieber Gott, lass mich gesund werden!“ Trotzdem bleibe ich krank. Ein Gebet ist kein Zauberspruch. Sondern?

Um uns klar zu machen, wozu Beten gut ist, obwohl es für Gebete keine Erfolgsgarantie gibt, beginnen wir mit den unterschiedlichen Situationen, in denen gebetet wird. Manche Menschen beten morgens beim Aufstehen und abends, wenn sie ins Bett gehen, manche vor und nach dem Essen. Huckleberry Finn, der jugendliche Titelheld in Mark Twains Buch, wundert sich darüber, dass die Witwe Douglas vor dem Abendbrot den Kopf runterbiegt und ein bisschen über das Essen brummelt, obwohl gar nichts damit los ist, außer dass alles einzeln gekocht ist und Huckleberry Finn lieber Eintopf mag.

Religiöse Juden sprechen zweimal täglich das Sch’ma Israel, das Glaubensbekenntnis aus dem fünften Buch Mose; Muslime beten fünfmal am Tag. Im Gottesdienst wird gebetet; wer möchte, kann auch zu jeder anderen Zeit beten. Dankgebete, Lobgebete, Bußgebete, Bittgebete, Kindergebete, Stoßgebete, Fürbitten, Psalmen – eins haben sie alle gemeinsam: Wer betet, redet mit Gott, will ihm etwas erzählen, ihm etwas ans Herz legen oder Gott an etwas erinnern. Ob Gott es nötig hat, dass wir ihn an etwas erinnern, oder nicht – mit ihm zu reden, tut vielen Menschen gut. Sie verlassen sich darauf, dass Gott verständnisvoll zuhört, trauen ihm etwas zu, werden sich über sich selber klar und erkennen ihre eigenen Grenzen.

Im Christentum ist das Vaterunser das verbreitetste Gebet. Es kommt in jedem Gottesdienst vor. Das Vaterunser steht im Matthäusevangelium. Jesus empfiehlt es dort als Muster, an dem man sich beim Beten orientieren kann. Zur Erinnerung hier noch einmal der Text:

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Schon die Anrede ist wichtig: „Vater unser“, oder wie wir normalerweise sagen würden: „Unser Vater im Himmel!“ Dass Gott als unser Vater angesprochen wird, sagt schon viel über ihn aus – allerdings nicht, dass Gott ein Mann ist. Das Wort „Vater“ ist hier nicht wörtlich gemeint. Es soll vielmehr zeigen, wie sich Gott zu uns verhält: wie ein guter Vater eben, der sich um seine Kinder kümmert – oder wie eine gute Mutter; so können wir uns Gott nämlich auch vorstellen. Wir müssen uns nur darüber im Klaren sein, dass er weder ein Mann noch eine Frau ist, kein Mensch, keine Person, wie wir sie sonst kennen. Gott ist ein Vater oder eine Mutter „im Himmel“, und das ist wieder nicht wörtlich gemeint. Gott wohnt nicht nur oben weit über uns. Zugleich ist er ganz nahe bei uns. Das soll der Anfang des Vaterunsers zum Ausdruck bringen.

Es folgen sieben Bitten. Die ersten drei handeln von Gott selbst. Martin Luther hat eine Zusammenfassung des christlichen Glaubens geschrieben, den Kleinen Katechismus. Darin erklärt Martin Luther auch das Vaterunser und warum wir Gott darum bitten, dass sein Name geheiligt wird, sein Reich kommt und sein Wille geschieht. Das alles passiert, auch ohne dass wir erst darum bitten, schreibt Luther. Gottes Name ist schon heilig, sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit kommt ganz bestimmt, und Gottes Wille geschieht, obwohl wir es besser wissen wollen als er. Und genau deshalb haben wir es nötig, dass Gott uns daran erinnert, wie gut es ist, dass er Gott ist und nicht wir. Von ihm können wir mehr erwarten als von uns selbst. Dass wir das einsehen, darum geht es in den ersten drei Bitten des Vaterunsers.

Zur vierten Bitte, um das tägliche Brot, fragt Martin Luther, was das denn heißt, „tägliches Brot“, und zählt auf: „Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen“. Unsere eigene Liste sähe im Einzelnen sicher anders aus. Trotzdem verstehen wir, was gemeint ist: Alles, was wir zum Leben brauchen, können wir von Gott erhoffen. Auch, dass er uns unsere Schuld vergibt – die fünfte Bitte –, und weil er vergibt, können auch wir vergeben.

Die sechste Bitte hat vor zwei oder drei Jahren die Medien beschäftigt. Zeitungen, Funk- und Fernsehsender meldeten, dass der Papst der katholischen Kirche den Text des Vaterunsers ändern wollte. Auch im Internet wurde über seinen Vorschlag diskutiert, nicht mehr „Und führe uns nicht in Versuchung“ zu sagen, sondern stattdessen: „Lass uns nicht in Versuchung geraten.“ Jemanden in Versuchung zu führen, bedeutet, ihn auf die Probe zu stellen, zu testen, ob er das Richtige glaubt oder tut. So sei Gott aber nicht, argumentierte der Papst. Ein guter Vater oder eine liebevolle Mutter stelle seine oder ihre Kinder nicht auf die Probe. Deshalb sei „Lass uns nicht in Versuchung geraten“ die bessere Formulierung.

Nun kann selbst ein Papst das Vaterunser nicht ändern. Der griechische Text des Matthäusevangeliums lautet ganz eindeutig: „Führe uns nicht in Versuchung.“ Demnach könnte Gott das durchaus. Im ersten Buch Mose steht sogar eine Erzählung, die mit den Worten beginnt: „Gott versuchte Abraham“, und die Probe, auf die Abraham gestellt wird, ist heftig. Hoffen wir daher, dass Gott uns davor verschont, und bitten wir ihn weiterhin: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Mit diesen Worten endete das Vaterunser ursprünglich. Wenn wir es beten, fügen wir noch hinzu: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Dieser feierliche Schluss wurde später hinzugefügt, ebenso das Wort „Amen“, mit dem wir die meisten Gebete beenden. „Amen“ bedeutet soviel wie „So ist es“ oder „So soll es sein.“

Begonnen haben wir damit, dass ein Gebet kein Zauberspruch ist, und uns gefragt, wozu Beten gut ist, obwohl längst nicht alle Gebete in Erfüllung gehen. Das Vaterunser sollte uns zeigen, dass wir Gott nicht zwingen können, unsere Wünsche zu erfüllen, dass wir ihn aber darum bitten und darauf vertrauen können: Wir liegen Gott am Herzen. Einmal wird er alles zum Guten wenden. So ist es. So soll es sein. Amen.

Euer Martin Schewe

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