Mal nachgefragt: Frau Morbach im Blog Interview

Liebe Blog-LeserInnen

wir haben uns mal wieder in der Lehrerschaft umgesehen, um eine weitere Person für unserer Interview-Rubrik „Mal nachgefragt“ zu ermitteln. Unsere Wahl fiel auf Frau Morbach, denn uns ist zu Ohren gekommen, dass sie in den Sommerferien einige Erfahrungen machen musste, auf die sie und ihre Familie gerne verzichtet hätten. Lest selbst, was passiert ist und lernt nebenbei auch Frau Morbach etwas besser kennen! Viel Spaß bei dem Interview der Bloggerinnen Helena und Finja mit Frau Morbach!

Frau Jutta Morbach
  1. Wie lange sind Sie eigentlich schon am ESG tätig?

Ich unterrichte hier seit 2008. 

2. Und welche Fächer unterrichten Sie? 

Mathe und Physik 

3. Sie haben ja einen leichten Dialekt, lässt sich daraus schließen, dass die nicht aus OWL kommen? 

Ganz genau. Ich komme gebürtig aus dem Ahrtal. 

4. Damit sind wir auch schon bei unserem eigentlichen Thema. Im Juli ereignete sich dort eine schreckliche Flutkatastrophe. Was ist denn ihr Bezug genau zu dieser Gegend? 

Mein Bezug ist, dass ich dort geboren bin,  in dem Ort Dernau (*hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Dernau) und meine Eltern und einige Verwandte dort leben. 

5. Sind Sie jetzt regelmäßig vor Ort, um zu helfen oder einfach nur da zu sein? 

Das ist im Moment leider nicht so einfach… Mein Mann und ich waren in den Sommerferien zwei Wochen vor Ort und haben direkt mithelfen können. Und schon damals stellte sich die Frage, wo wir unterkommen könnten, denn durch die Katastrophe sind ja viele Häuser nicht mehr bewohnbar und alle näher zusammengerutscht. Vor der Flutkatastrophe bin ich mit meinen Kindern und meinem Mann regelmäßig  zu meinen Eltern gefahren und habe dort gewohnt. Doch nun ist das Haus auf lange Zeit nicht mehr bewohnbar, weil bis knapp unter dem 1. Stock Wasser mit einer dicken Schicht Heizöl darin stand. Mein Bruder wohnt zwar in der Nähe, aber er hat räumlich nicht die Möglichkeit, uns als ganze Familie regelmäßig unterzubringen. Deshalb mussten wir unsere Besuche in letzter Zeit leider einschränken. Aber ich versuche von hier aus vieles zu organisieren. Das meiste macht aber mein Bruder, der vor Ort wohnt.

Das Haus meiner Eltern haben wir mit viel Unterstützung freiwilliger Helfer in den letzten Wochen entkernt. Jetzt brauchen wir Firmen, die uns helfen, das Haus schnell wieder bewohnbar zu machen. 

6. Wie muss man sich das eigentlich vorstellen, wenn man plötzlich kein Haus mehr hat? Wo kommen die Menschen unter? 

Natürlich ist das ein sehr großes Problem. In diesem Ort gibt es knapp 2000 Einwohner. 90% des Ortes sind betroffen. Viele der Betroffenen können erstmal vor Ort nicht mehr wohnen, wegen der starken Zerstörung und der Kontamination mit dem Heizöl, die im Ort ein großes Problem darstellt. 

Am Anfang sind viele Betroffene in klassischen „Notunterkünften“ untergekommen. Es wurde auch viel zusammengerückt … Wo vorher 2 Personen gewohnt haben, wohnen auf einmal 8 oder man hat Platz bei Verwandten oder Freunden gefunden – wie meine Eltern.  Andere sind in Ferienwohnungen oder freistehende Häuser gezogen. 

7. Was hat Sie denn am meisten mitgenommen? 

Das ist eine echt schwere Frage. Gar nicht leicht zu beantworten, weil es einfach eine grausame Flut war. 

Ich habe das Ganze an dem Abend telefonisch mitbekommen. Keiner wusste, was kommt. Die ganzen Ereignisse an diesem Abend haben mich einfach sehr mitgenommen. Ich bin sehr froh, dass mein Bruder schnell da war, um meine Familie zu unterstützen und sie rauszuholen. Meine Tante und mein Onkel konnten allerdings nicht mehr raus, da das Wasser so schnell gestiegen ist. Sie sind auf den Dachboden gegangen. Dort wurden sie dann von der Feuerwehr am nächsten Morgen gerettet. 

Dann war der Anblick, als ich das erste Mal wieder in Dernau war, natürlich sehr schlimm. Alles ist zerstört und kaputt. Überall Müll, Schlamm… Jetzt – nach Wochen – wo der meiste Müll abtransportiert ist, bleibt eine Leere zurück. Viele Häuser wurden abgerissen, die Vegetation links und rechts der Ahr gibt es nicht mehr. Es ist grau, nichts ist mehr bunt.

Ein anderer Punkt, der mich sehr mitgenommen hat, ist das Wissen, dass so viele Menschen nun Hilfe brauchen und in einer absoluten Notlage sind. Viele haben fast alles verloren.  

In dieser ganzen tristen Lage gab es jedoch etwas, was Mut und Hoffnung und Stärke gegeben hat und immer noch gibt: Die freiwilligen Helfer!!!! Vielen Dank an alle!  

8. Sie habe es ja eben schon ein bisschen gesagt, wie ist denn die Stimmung bei den betroffenen Menschen, ist da Mut, Trauer…oder auch Hoffnung? 

Tatsächlich alles. Es gab einige, die ganz schnell gesagt haben: „Ich bin fertig mit dem Ort!“ Aber es gibt auch unheimlich viele, die gesagt haben: „Hey kommt, wir bauen das alles wieder auf”. Es ist so ein bisschen geteilt. Ich denke, es tut allen wirklich gut zu sehen, dass Hilfe da ist. 

Man darf die Menschen nicht vergessen. Das wird sich über eine sehr lange Zeit ziehen. Und das ist der Punkt, dass man immer und immer wieder an die Menschen denkt und hilft. 

9. Es wird ja fleißig gespendet und auch die Bundesregierung hat Maßnahmen beschlossen, um den Menschen zu helfen. Kommt das Geld da an? Und reicht das überhaupt? Wissen Sie da etwas?

Das sind natürlich schwierige Fragen… Ich kann keine klare Auskunft geben, ich weiß es nicht. Was ich mitbekommen habe: Am Anfang gab es die sogenannten „Soforthilfen“. Tatsächlich hat es schon mehrere Wochen gedauert, bis die Hilfe die Betroffenen erreicht hat. Auch die Verteilung aus den großen Spendenkonten wird wahrscheinlich Zeit dauern, da sie über Verteilungsschlüssel gehen, damit man allen möglichst gerecht wird. Mein Heimatort – wie wahrscheinlich die anderen betroffenen Ortschaften ebenfalls – hat recht schnell ein eigenes Spendenkonto eingerichtet zur Unterstützung der Betroffenen im Ort. Von dort gab es jetzt ebenfalls erste Auszahlungen. Außerdem gab es von der Gemeinde aus eine Umfrage unter den Betroffenen, in der Bedarf angemeldet werden konnte (finanziell, Heizung, etc.). Ob es reichen wird…ich weiß es nicht. 

10. Und eine Sache interessiert uns noch: Wir haben ja auch alle etwas gebibbert und wussten nicht, ob wir nach den Ferien wieder in Präsenz zur Schule gehen konnten. In der betroffenen Flut-Region ist ja letzte Woche die Schule wieder gestartet. Wie geht das? Schulstart ohne oder mit kaputten Schulgebäuden?

Das ist eine gute Frage. Es gibt im Ahrtal genau zwei Schulen, die nicht „abgesoffen“ sind, von 60 – 70 Schulen und Kitas. Die Schule meines Neffen und meiner Nichte ist erhalten geblieben, da sie auf einem Hügel steht – allerdings ist ihr Weg zur Schule nicht mehr vorhanden, weil bis auf zwei Brücken alle Brücken über die Ahr zerstört sind – auch die Brücken zur Schule. Das THW und das Militär haben in den letzten Wochen angefangen, Not-Brücken zu errichten – auch eine, die für den Schulweg genutzt werden kann. Allerdings ist der Weg nun viel länger und noch dazu der einzige, der zur Schule führt und  dementsprechend verkehrstechnisch eine Katastrophe. Meine Nichte erzählte mir gestern, dass sie im Moment wirklich weit weg parken und dann den Rest zur Schule zu Fuß gehen. Schulen und Kitas, die zur Zeit nicht genutzt werden können, mussten anderweitig unterkommen. So wird die Schule meiner Nichte und meines Neffens im Moment im Schichtbetrieb auch noch von einer weiteren Schule genutzt. 

Neben dem Schulgebäude befindet sich ein leerstehendes Kloster, in dem eine Grundschule und ein Kindergarten untergebracht sind. Darüber hinaus gibt es eine Küche, in der für die Übermittags-Kinder mittags gekocht wird, aber auch für die Kinder, für die im Moment ein Mittagessen zu Hause nicht möglich ist.

Kindergärten und Schulen haben nun übergangsweise eine neue Bleibe gefunden – überwiegend in einem anderem Ort und beengter als zuvor.

Vielen Dank, Frau Morbach, dass Sie sich die Zeit genommen haben, um uns über die Situationen im Ahrtal, speziell Ihrer Familie, zu erzählen. Wir wünschen Ihnen und Ihrer Familie viel Kraft und viel Hilfe in der nächsten Zeit. (Wer übrigens gerne helfen möchte, kann sich jederzeit an Frau Morbach wenden und kann sich auch ganz sicher sein, dass die Hilfe ankommt.)

Danke auch, dass Sie uns einiges an Bildmaterial zu Verfügung stellen, was uns und den LeserInnen bestimmt hilft, Ihre Schilderungen irgendwie besser zu begreifen! 

*Vielleicht in diesem Zusammenhang auch nochmal lesenswert: Die Schilderungen, die Herr Bolte für den Blog geschrieben hat. Auch er war in einem betroffenen Gebiet vor Ort und hat geholfen: Hier zum Nachlesen!

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