Zwei Wochen Praktikum beim Dachdecker – als Mädchen?!

Sommer, Sonne, Ferien – die meisten Schüler freuen sich vor allem, nichts tun zu müssen. Falls ihr aber zu denjenigen gehört, die sich nach den ersten Wochen eher langweilen, oder, wenn ihr noch eine Inspiration für euer Schulpraktikum sucht hier eine interessante Perspektive:

Hi, stell Dich doch erstmal kurz vor!

Ich heiße Nicole Martin, bin 16 Jahre alt, momentan in der Q1 und habe in den Sommerferien ein zweiwöchiges Praktikum beim Dachdecker gemacht.

Aber wie bist du denn überhaupt auf den Beruf Dachdecker gekommen? Was reizt Dich daran?

Auf den Beruf bin ich durch die Hilfe einer Freundin gekommen, die meine Idee einem handwerklichen Beruf nachzugehen unterstütz und mich motiviert hat, meine Wünsche in die Tat umzusetzen.

Wir haben uns dann hingesetzt und uns eine Liste von verschiedenen Berufen angeschaut. Dabei hat Dachdecker für mich irgendwie herausgestochen, während ich gegenüber den meisten Berufen entweder skeptisch, unsicher oder gleichgültig war, hat mich diese Beschreibung direkt interessiert.

Die folgenden Wochen reflektierte ich, warum dieses starke Interesse besteht. Es liegt voraussichtlich an meiner schon immer vorhandenen Liebe zum Klettern und handwerklichen Tätigkeiten. Auch wenn das einzig „vernünftige“ was ich in dem Bereich unternommen habe praktisch nur das Zusammenbauen von Möbeln und die Reparatur eines Hochbeets war.

Und warum wolltest Du ein Praktikum machen?

Mein ganzes Leben dachte ich aufgrund meines Umfelds und meiner Stärken, dass Studieren das einzige Denkbare für mich und meine Zukunft wäre, aber während meiner bisherigen Schulzeit und vor allem seit dem Homeschooling ist mir aufgefallen, wie unerfüllend, langweilig und ehrlich gesagt auch deprimierend akademische und theoretische Themen und Tätigkeiten für mich sind. Dadurch, dass mir jegliche Formen von handwerklichen Beschäftigungen Spaß machen und mich stark motivieren, mir aber an vernünftiger Praxis fehlt (siehe oben ;)), wollte ich unbedingt Erfahrung in diesem Bereich sammeln um zu erfahren, ob ein handwerklicher Beruf denkbar wäre. Die Idee im Handwerk zu arbeiten ging mir seit über einem Jahr nicht mehr aus dem Kopf.

Wie bist Du an den Platz gekommen?

Mal wieder durch meine Freundin, die mir sofort die Dachdeckerei Brumm empfohlen hat. Hätte sie das nicht getan, wäre ich wohl immer noch verzweifelt am Suchen, also ein großes Dankeschön dafür, Melanie 😉

Danach habe ich einfach dort angerufen und gefragt, ob ein Praktikum möglich wäre. Der Chef meinte, dass sie momentan eigentlich keine Plätze vergäben, aber dennoch wies er mich nicht zurück und fragte nach mehr Informationen über mich und das Praktikum, die ich ihm per E-Mail schicken sollte. Ein paar Tage später bekam ich dann doch per eine Zusage.

Wie lief so ein typischer Arbeitstag ab? Welche Aufgaben hat ein Dachdecker?

Der Arbeitstag startet um 6:30 Uhr. Normalerweise fängt er mit einer gemeinsamen Besprechung über den geplanten Tagesablauf an, man wird in Gruppen aufgeteilt und bespricht Ort, Zeit und Aufgaben die erledigt werden müssen.

Danach wird überlegt, was alles gebraucht werden könnte. Man sammelt und stellt die benötigten Materialien in den Wagen und fährt gegen 7:30 Uhr zum Kunden um mit der Arbeit anzufangen.

Die Aufgaben sind wirklich vielfältig. Man deckt nicht nur Dächer, sondern sorgt auch für gut funktionierende Dachrinnen, installiert Dachfenster, ist für Reparaturen zuständig und behebt sonstige Probleme die mit Undichtigkeit zusammenhängen. Schornsteinreparaturen und das Abreißen von Garagen gehören auch dazu.

Zwischen 11:30 und 13:30 hat man dann eine 30-minütige Mittagspause, es gibt aber keine wirklich festen Zeiten. Diese variieren von Tag zu Tag genauso wie wann Feierabend ist. Meistens jedoch zwischen 14:30 und 16:00 Uhr.

Was hat Dir am besten gefallen…?

Die Vielfalt der Arbeit und die Bewegung im Alltag.

Es ist ein tolles Gefühl nach einem anstrengenden Tag nachhause zu kommen und zu wissen, dass man etwas geleistet hat. Und zwar etwas wirklich Sinnvolles. Etwas Greifbares. Nichts Abstraktes, digitales was man ja schon oft genug in der Schule macht.

Das Arbeiten mit Werkzeug mochte ich auch. Ich durfte bspw. eine Handkreissäge, Bohrer und Akkuschrauber verwenden und mit einer Schneidezange Schieferplatten zuschneiden.

Eine weitere Sache die ich super fand, war das Klettern auf dem Ziegeldach. Ich bin auch auf/mit einer Hebebühne (hoch)gefahren und durfte diese sogar bedienen. Die Aussicht war sowohl auf dem Dach als auch der Bühne schön. Vor allem frei auf einem Dach zu stehen ist etwas komplett anderes, als aus dem Balkon oder dem Fenster zu gucken oder mit dem Riesenrad zu fahren. Es fühlt sich viel „greifbarer“ an.

… und was am wenigsten?

Am wenigsten mochte ich, dass ich nicht viel helfen konnte. Die Hilfe die ich den Arbeitern anbieten konnte war minimal. Ich wusste nicht, welche Materialien auf der Baustelle benötigt werden und wo sich diese befinden. Ich kannte den Arbeitsprozess an den Baustellen nicht und habe keinen Führerschein. Deswegen bestanden meine Aufgaben größtenteils aus Werkzeug und Material hin- und wegbringen, aufräumen, fegen und zugucken.

Gab es besonders interessante oder lustige Momente?

Lustigerweise dachte praktisch jeder (sowohl Arbeiter, Kunden als auch bekannte des Chefs), dass ich ein Junge war. Platz eins geht an den Gesellen, der drei Tage lang dachte, dass ich ein 16-Jähriger, 157cm großer Junge Namens Nicole war und er erst herausfand, dass ich ein Mädchen bin, nachdem der Chef ihn informierte. Ansonsten gab es noch mindestens sechs weitere ähnliche Situationen die ebenfalls lustig waren.

Was nimmst Du aus der Erfahrung mit? Sind Dachdecker (oder vergleichbare Berufe) tatsächlich interessant für Dich? Würdest Du eine Ausbildung in Erwägung ziehen? Warum oder warum nicht?

Ich werde vorerst noch mehr Erfahrung im handwerklichen Bereich sammeln müssen um mit Sicherheit sagen zu können, ob das der richtige Beruf für mich ist. Die einzigen Dinge, die mich etwas verunsichern, sind die für den Beruf essentielle Koordinations- und Planungsfähigkeit. Vor allem wenn man vor hat Meister zu werden.

Ebenfalls frage ich mich, was mit mir passieren soll, wenn ich frühzeitig physisch nicht mehr arbeitsfähig bin. Ob nun durch einen Unfall oder einfach durch die tägliche physische Belastung die mit dem Beruf kommt. Ansonsten interessiert mich der Beruf aber weiterhin.

Was würdest Du einem Leser – oder einer Leserin – sagen, der/die sich ebenfalls für einen handwerklichen Beruf interessiert bzw. wem würdest Du einen solchen Beruf/ein solches Praktikum empfehlen?

Wenn Interesse besteht, Praktika machen. Einfach machen und sich nicht unnötig viele Sorgen darüber machen, ob man es wirklich tun sollte. Auch nicht, wenn man kaum Erfahrung in dem Bereich hat. Alleine dadurch, dass es einen starken Handwerkermangel gibt, freut man sich über jeden auch nur potentiellen Interessenten. Nach meinem Wissen, muss man sich normalerweise nicht einmal bewerben und praktisch jeder wird genommen (solange ein Praktikum angeboten werden kann).

Eine Ausbildung als Dachdecker empfehle ich denen, die bereit sind, ihre ganze Energie in diesen Beruf zu investieren. Man wacht früh auf und arbeitet teilweise bis zu 10 Stunden. Und die Arbeit ist anspruchsvoll. Das soll jetzt nicht abschrecken. Ich persönlich fand, dass die 8-10 Stunden viel schneller vorbeigingen, als ein Tag in der Schule und dieser sich auch deutlich produktiver anfühlt, als Unterricht bis 16Uhr.

Wer also gerne hoch oben ist, Interesse an handwerklichen Tätigkeiten besitzt und gerne im Team anpackt und überlegt eine Ausbildung zu machen, für den kommt der Beruf als Dachdecker vielleicht in Frage.

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